Die Entengeschichte

Die Geschichte ist zwar schon einige Zeit her, aber sie ist wirklich passiert, was durch die Fotos bewiesen werden kann.

Das passierte in den USA, genauer gesagt, in San Antonio, Texas. Darum ist die Geschichte auch hier in Deutschland nicht allgemein bekannt.

Aber, lassen Sie mich berichten:

Michael R., ein Bankangestellter machte eines Tages eine Beobachtung. Direkt in der Altstadt gelegen, ist das Gebäude der Frost Bank, in dem er im zweiten Stock in einem Büro arbeitete. Was er sah, als er aus dem Fenster schaute, lies ihn erst einmal den Kopf schütteln. Auf dem Fenstersims in über drei Meter Höhe über dem Fußweg entlang der Straße, baute eine Ente ihr Nest. Er brachte es aber nicht fertig, das Nest, auf das dieser Wasservogel so viel Mühe verwandte, zu zerstören und vom Fenstersims zu entfernen. Und eines Tages war es dann soweit, es lagen Eier im Nest - insgesamt 10 Stück, wie er feststellen konnte, als die Ente sich einmal umdrehte.

Mehrmals täglich kam dann ein Erpel herangeflattert, um das Entenweibchen, das ja die Eier ausbrütete mit Nahrung zu versorgen. Wochenlang ging das so, bis eines Tages die Entenküken geschlüpft waren.

Nachts zerbrach er sich den Kopf, wie es die Entenmutter bloß anstellen wolle, ihre Küken aus dem in luftiger Höhe befindlichem Nest, auf den Boden zu bringen und wie es dann anschließend wohl anstellen wolle, um mit ihrem Nachwuchs an´s Wasser zu gelangen, denn der Fluß lag in einiger Entfernung von dem Bankhaus.

Das passiert nämlich normalerweise innerhalb der ersten 48 Stunden eines Entenküken-Lebens.

Am nächsten Morgen war es dann soweit, die Entenmutter ermutigte ihre Küken, das Nest zu verlassen und an den Rand des Sims zu kommen.

Jetzt war es nicht nur Michael, der die Sache beobachtete, im Büro hatte jeder seine Arbeit nieder gelegt und schaute gebannt aus dem Fenster, um sich das andeutende Drama zu verfolgen - denn wie sollten die Entenküken heil zu Boden gelangen - konnten sie doch noch nicht fliegen!


Die Entenmutter machte es ihnen vor, wie sie von dem Fenstersims springen sollten - doch sie konnte ja fliegen und breitete ihre Flügel aus und landete nach einem kurzen Flug sicher auf dem Boden. Von dort aus rief sie quakend nach ihren Jungen. Mit großer Besorgnis beobachtete Michael, wie das erste der Küken langsam an den Rand des Simses watschelte, von dort aus einen Satz machte und fast wie ein Stein zu Boden plumpste!

Michael konnte es einfach nicht mit ansehen, wie das noch neun mal geschehen sollte, denn er war fest davon überzeugt, dass das Küken den Sprung aus dieser Höhe nicht überlebt hätte!

Er rannte aus dem Büro, verzichtete auf den Fahrstuhl, weil ihm das zu lange gedauert hätte und rannte im Treppenhaus die Stiegen hinab. Im Eingang blieb er stehen. Er sah das kleine Küken unbeweglich neben der Mutter auf dem Boden und als das zweite Küken den Absprung wagte, sprang Michael einen Schritt weiter vor und konnte das Küken tatsächlich auffangen! Ganz behutsam setzte er es neben der Entenmutter ab und in diesem Moment, da rührte sich auch das erste Küken. Wie durch ein Wunder hatte es den Aufprall auf dem Asphalt überlebt -hatte sich nur von seinem Schrecken erst erholen müssen.

Jetzt kam ein Küken nach dem Anderen von dem Sims heruntergesprungen und Michael, der sich nach dem Absetzen des Kükens wieder unter den Sims - also außer Sicht der Küken gestellt hatte - machte wieder einen Schritt nach vorn und fing mit seinen bloßen Händen das nächste Küken auf. Inzwischen war en eine ganze Menge Leute stehen geblieben und beobachteten die Angelegenheit aus einiger Entfernung.

Michael fing ein Küken nach dem anderen auf und setzte sie neben ihrer Mutter ab, bis auch das letzte der zehn Küken sanft in seinen Händen gelandet war und er es absetzen konnte.


Jetzt, wo er die geretteten Küken neben ihrer Mutter betrachtete, da merkte Michael auf ein mal, daß es damit ja gar nicht getan war!

Die Entenmutter mit ihren zehn Küken musste ja auch noch an´s Wasser kommen - aber wie? Denn das nächste Wasser war zwei Blocks entfernt und auf der Straße war der übliche dichte Autoverkehr! Da hatte die Entenmutter doch gar keine Chance!!! Wie sollte die Entenmutter ihre Küken heil bis an den San Antonio River bringen? Das war ein fast aussichtsloses Unternehmen, wenn sie denn keine Hilfe bekam! Inzwischen waren auch die Sekretärinnen aus seinem Büro unten auf der Straße und auch zwei Polizisten waren an Ort und Stelle. Irgendeiner kam dann auf die Idee mit dem Karton. Schnell war ein leerer Karton zur Stelle und Michael sammelte unter Protest der Entenmutter die Küken ein.

M, so watschelte sie hinter Michael und dem Karton mit ihren Kleinen hinterher. Michael hielt dann aber den Karton so, dass die Entenmutter hineinsehen konnte und langsam ging er die Straße hinunter, den Karton auf einer Kante hinter sich herziehend und zwar so, dass die Entenmutter stets Blickkontakt zu den Küken hatte. Einer der beiden Polizisten hatte ihn begleitet und als Michael mit seinem Entenkarton und der hinter ihm her watschelnden Entenmutter eine Straße überqueren musste, um an den San Antonio´s 'River Walk' zu gelangen, hielt der Polizist den Straßenverkehr an, bis Michael und die Entenmutter die andere Straßenseite erreicht hatten.

Jetzt war es nicht mehr schwer, sie hatten den Fluß erreicht und jetzt übernahm die Entenmutter das Kommando. Sie watschelte an Michael vorbei, sprang in den Fluß und quakte laut. Das war das Kommando für ihre Küken, die auf ihr Rufen hin aus dem Karton watschelten, den Michael jetzt so hielt, dass sie heraus konnten.

Er half ihnen dann noch vom Rand der Kaimauer aus auf das etwas tiefer gelegene Wasser zu kommen, indem er sie einzeln auf das Wasser setzte. So kamen alle zehn Küken sicher auf das Element, das in Zukunft ihre Heimat sein sollte und sie paddelten eifrig um ganz in die Nähe ihrer Mutter zu gelangen. Diese schwamm im Kreis um sie herum, gerad´, als wolle sie sich davon überzeugen, dass auch Alle da waren. Dann schwamm sie langsam davon und ihre Küken hinter ihr her. Die Entenmutter drehte noch einmal den Kopf in die andere Richtung, gerad´ so, als ob sie sich von Michael, der noch am Ufer stand, verabschieden wollte.

Autor: unbekannt.
Übersetzung a.d. amerik.: Dieter Mühlena